Häkelset im Nadelköcher

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Objekt des Monats März 2015

Häkelset im Nadelköcher, NM2320
Häkelset im Nadelköcher, NM2320

Das fein ausgearbeitete Nadeldöschen ist aus Horn gefertigt und circa 8 cm hoch. Schraubt man das Deckelchen ab, kommen vier Häkelnadeln zum Vorschein. Kennzeichnend für diese Nadeln ist der Widerhaken an der Spitze, mit welchem ein Faden aufgenommen und durch eine bereits bestehende Masche gezogen wird. Anders als Stricken, das seit dem 13. Jahrhundert praktiziert wird, ist Häkeln eine viel jüngere Technik. Es sind keine Arbeiten bekannt, die vor 1800 datiert werden können. Wo das Wort Häkeln heute nur noch für diese Handarbeitstechnik gebräuchlich ist, bedeutete der seit Ende 1700 bekannte Begriff früher ganz allgemein etwas mit dem Haken zu fassen.

Möglicherweise stammt das Nadeldöschen aus einem klösterlichen Betrieb. Vor allem in Frauenklöstern, zum Teil aber auch in Männerkonventen, war die Herstellung dieser filigranen Hornarbeiten neben Textilarbeiten sehr verbreitet. Der Verkauf bedeutete für die Kirche einen zusätzlichen Verdienst. Das Nidwaldner Museum hat nach der Auflösung des Stanser Konvents im Jahre 2004 die Kunst- und Kulturgüter des Kapuzinerklosters übernommen. Ob das Nadeldöschen aber ursprünglich tatsächlich aus dem Kloster stammt, kann leider nicht nachvollzogen werden. (Zu Klosterarbeiten aus dem Stanser Kapuzinerkloster siehe zum Beispiel Objekt des Monats Juni 2014: Reliquiare des heiligen Benedikt von Nursia und Flavianus des Kapuzinerklosters Stans.)

Textile Handarbeiten sind nach wie vor eher Frauensache. Dass dies nicht etwa eine zufällige Zuschreibung ist, zeigt sich nachdrücklich in der Geschichte der Erziehung und Bildung von Mädchen und Jungen. Im 18. Jahrhundert nahm man an, dass Frauen und Männer grundsätzlich verschiedene Geschlechtercharaktere besitzen, was wiederum zur Etablierung entsprechender Rollenbilder führte. Während dem Mann die öffentliche Sphäre und das Erwerbsleben zugedacht waren, spielte sich das Leben der Frauen im privaten, familiären Raum ab. So stand im Gegensatz zum männlichen Rollenbild bei den Frauen nicht das Erlangen von Wissen im Vordergrund, sondern das Dasein für andere, zum Beispiel die Familie. Daraus ergab sich schliesslich auch die hierarchisch angelegte Abstufung zwischen den Rollenbildern der Frauen und Männer. Diese Geschlechterhierarchien wurden als „natürlich“ angenommen und verfestigten sich über Bildung und Erziehung weiter. In einer allgemeinen Schulordnung aus dieser Zeit steht geschrieben, dass Mädchen wenn möglich „auch im Nähen, Stricken, und in andern ihrem Geschlechte angemessenen Dingen zu unterweisen“[i] seien. Dass die Mädchen trotzdem eine Schule besuchen durften, lag vor allem an der während der Aufklärung erwachenden Forderung nach Gleichberechtigung im Bildungssystem. Neben dem allgemeinen Stundenplan hatten sie aber zusätzliche Fächer, die sie spezifisch auf ihre Rolle als Hausfrau vorbereiten sollten:

„Den Knaben wollen wir in erster Linie bilden Verstand und Gedächtnis, damit sie kräftig hinaustreten in die Welt; in den Mädchen wollen wir wecken Frömmigkeit und Schönheitssinn damit sie werden eine Zierde des Hauses.“[ii]

Das Fach „Weibliche Handarbeit“ führte die Mädchen in ihre häuslichen Pflichten ein. Obwohl mit der Industrialisierung viele mühsame und aufwendige Handarbeiten vorerst im Akkord massenweise und schliesslich maschinell hergestellt werden konnten, blieb die Handarbeit für Mädchen im Schulalltag erhalten. Es galt dabei weniger für Verkauf und Wirtschaft zu produzieren, sondern vielmehr das eigene Heim zu verschönern und alles Nötige für die Familie zu erledigen. Daraus ergibt sich ein Unterschied, der sich in der Not oder Notwendigkeit zeigt. Das heisst, die soziale Hierarchie kann sich auch in der Herstellung und Nutzung von gelernter Handarbeit abzeichnen. Wo in ärmeren Familien eher geflickt und Altes, Kaputtes wiederverwertet wurde, konnten in gutbürgerlichen Haushalten neben diesen unerlässlichen Tätigkeiten vor allem auch Ziergegenstände hergestellt werden.

Unser schmuckes Aufbewahrungsdöschen, das so filigran angefertigt und hübsch anzusehen ist, hat sich dementsprechend wohl eher in einem gutbürgerlichen Haushalt befunden. Man konnte es sich leisten, selbst das Aufbewahrungsbehälterchen wie eine Schmuckdose aussehen zu lassen. Vielleicht hat es die Besitzerin sogar in ihrer Handtasche bei sich getragen, um hie und da eine lose Masche unbemerkt wieder einzufädeln.

Autorin: Magdalena Bucher, 2015

Quellen:

Luithlen, Viktor: Die Erziehung der Mädchen. Wien 1864. S. 7.

Papouschek, Johann (Hg.): Die Allgemeine Schulordnung vom 6. Dezember 1774

Schmid, Pia: Weib oder Mensch? Zur Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung. In: Scarbath, Horst, Heike Schlottau u.a.: Geschlechter. Zur Kritik und Neubestimmung geschlechterbezogener Sozialisation und Bildung. Opladen, 1999. S. 11-24.

Simon, Gertrud: Die tüchtige Hausfrau: gebildet aber nicht gelehrt. Das bürgerliche Frauenbild als Erziehungsziel im 18. und 19. Jahrhundert. In: Brehmer, Ilse u. Gertrud Simon: Geschichte der Frauenbildung und Mädchenerziehung in Österreich Graz 1997. S. 32-44.



[i] Papouschek, Johann (Hg.): Die Allgemeine Schulordnung vom 6. Dezember 1774 im Urtexte nebst Einleitung und Commentar. Znaim, 1880. S. 13.

[ii] Luithlen, Viktor: Die Erziehung der Mädchen. Wien 1864. S. 7.

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