Taschenuhr von Hans von Matt

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Objekt des Monats Januar 2015

Goldene Taschenuhr von Hans von Matt, NM 13542
Goldene Taschenuhr von Hans von Matt, NM 13542

Goldene Taschenuhr von Hans von Matt
Zwei rotgoldene Kettchen, das eine kürzer, fünf Zentimeter vielleicht, das andere zwanzig, an deren Enden reich verziert ein Siegel und eine goldene Taschenuhr hängen. Ein persönliches Stück, das verrät nicht nur das Siegel, auch auf dem Uhrrücken sind die Initialen kunstvoll eingraphiert: H V M – Hans von Matt. Dem Stanser Künstler und Intellektuellen hat diese Taschenuhr gehört. Dass sie nicht in einer Schmuckdose verstaubt ist, machen diverse kleine Gebrauchsspuren sichtbar und lassen uns diese Taschenuhr als Alltagsobjekt einordnen, als bedeutungsvollen Gegenstand, der diesen Menschen wohl tagein, tagaus begleitet haben muss. Wirkt die Uhr als Objekt auf den ersten Blick unaufgeregt und alltäglich, so ist sie tatsächlich eine aussergewöhnliche Zeugin einer ganz grundlegenden Einstellung zum Leben, nämlich wie mit der Zeit umgegangen, wie sie wahrgenommen und erfahren wird.

Die Uhr als Instrument der Zeiterfahrung
So ist die Uhr als Objekt der Inbegriff einer ganz bestimmten Vorstellung von Zeit und vor allem von Zeit-Messung. Als mechanisiertes Instrument zur Festlegung von Zeit gehen ihr physikalische Vorgänge, Rhythmen in der Natur voraus, die der Mensch beobachtet, um sich sein eigenes Erleben und dessen Einordnen in eine Zeitlichkeit begreiflich zu machen. Es sind dies beispielsweise der Stand der Sonne, also Tag und Nacht, Ebbe und Flut, der Lauf und die Veränderung des Mondes, die Jahreszeiten mit dem sinnlichen Erleben von Wärme und Kälte. Diese überindividuellen Zeitgeber sind aber bloss Symbole oder Zeichen für die Zeit, die vergeht – sie sind nicht die Zeit selbst. Sie sind Massstäbe für soziale Praktiken, das heisst sie entspringen sehr lebens- und alltagsnahen Zusammenhängen und sind oftmals an ganz bestimmte soziale Ereignisse gebunden (beispielsweise das Säen im Frühling, das Ernten im Spätsommer). Diese sogenannte soziale Zeit, die für jede und jeden konkret erfahrbar und von der Abfolge sozialer Ereignisse abhängig ist, wird ihrerseits wieder höchst individuell wahrgenommen. Das heisst, es gibt eine Vielzahl sozialer Zeiten, denn wo einer sich an der digital angezeigten Uhrzeit oder an der standardisierten Rhythmik der Arbeitswoche orientiert, richten sich andere am Zyklus des Mondes und am Einhalten der einzelnen Termine unabhängig von Wochentagen.

Die Uhr im Strom der Zeit
Wann genau unsere Taschenuhr in den Besitz von Hans von Matt gekommen ist, kann leider nicht festgestellt werden, aber der 1899 geborene Nidwaldner hat die Uhr zu einer Zeit getragen, die in Bezug auf die Vorstellung von Zeit viele Veränderungen brachte. Etwas früher nämlich, während der Industrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert, hat sich die Taschenuhr zu einem unverzichtbaren Gegenstand entwickelt, der vor allem durch neuartige Entwicklungen wie dem Aufkommen der Eisenbahn, der strikten Organisation der Arbeitszeiten und der Vervielfältigung des Handelsaustausches unterstützt wurde. Diese gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen veränderten das Zeitgefühl und den Umgang mit der Zeit grundlegend: Das Leben wurde schneller. Beschleunigung, Fortschritt, Entwicklung und Freiheit sind die Schlagworte dieser Zeit des Umbruchs und jener Entdeckungen, die das Leben in unseren Breitengraden so drastisch veränderten. Doch gleichzeitig – und das sind Tendenzen, die seit einigen Jahren immer wichtiger werden – ist eines in den Hintergrund gerückt, wenn nicht sogar verlorengegangen: die Gemächlichkeit des Flanierens, die Leichtigkeit des Vagabundierens. Es fehlt die Zeit, sich Zeit zu nehmen. Rast- und Ruhelosigkeit, das hastige Hin-und-Her zwischen Ereignissen, Informationen, Bildern, Eindrücken; das sind die Schlagworte, die heute kursieren und die die Freiheit der Einzelnen eben nicht einfach vergrössern, sondern vielmehr zu einem haltlosen Verlust der Orientierung führen können. Und wohl genau aus diesen Gründen entstehen immer mehr Bemühungen hin zu einer Entschleunigung, einem neuen Bewusstsein von Zeit. Der aktuellste Trend in dieser Bewegung sind die zahlreichen „slow“-Angebote („slow-food“, „slow-wear“, usw.), darunter auch die „slow-watch“ – eine Uhr, die dazu auffordert „sich auf den Moment zu konzentrieren, anstatt den Fokus an jede Minute oder Sekunde zu verschwenden“. Die Uhr hat nur einen Zeiger und auf dem Ziffernblatt lesen wir anstatt der zwölf Ziffern vierundzwanzig. Eine präzise Uhrzeit ist nicht ablesbar. Das Gehäuse ist in schlichtem Design gestaltet, unaufgeregt und doch zeitgenössisch chic. Aber personalisiert, individuell ist hieran nichts mehr. Die „slow“-Uhr ist vielleicht vielmehr als unsere Taschenuhr ein überindividuell symbolisches Objekt, das dem obengenannten Trend entsprungen ist, einem Trend, welcher derart popularisiert worden ist, das so mancher sich in dieser Form wieder davon distanziert hat.

Es bleibt also die Geschichte eines Zeitverständnisses, das sich vor allem im letzten Jahrhundert und im Zuge der schnellen und doch auch revolutionären Fortschritte und Entwicklungen stets mit verändert und seinen Ausdruck unter anderem im Objekt der Uhr gefunden hat. Das heisst, dass die Uhr nicht nur die Spiegelung eines bestimmten Zeitraumes ist, sondern auch massgeblich die individuelle Neigung und den Umgang seiner Tragenden mit einem bestimmten Zeitverständnis reflektiert. Die goldene Taschenuhr von Hans von Matt war offensichtlich als personalisierte Spezialanfertigung neben Zeitgeber auch Prestigeobjekt. Das Tragen einer „slow-watch“ heute ist Statement für eine Bewegung, die sich lokal orientiert und für einen neuen sozialen Zeitrhythmus stark macht, der sich dem gegenwärtigen Gefühl der Gehetztheit entgegensetzt und für ein Verweilen, ein Zeitdenken innerhalb grösserer Einheiten steht.

Autorin: Magdalena Bucher

 Quellen:

  • Brose, Hans-Georg, Monika Wohlrab-Sahr, Michael Corsten: Soziale Zeit und Biographie: über die Gestaltung von Alltagszeit und Lebenszeit. Berlin 1993.
  • Han, Byung-Chul: Duft der Zeit. Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens. Bielefeld 2009.
  • Meis, Reinhard: Taschenuhren. Von der Halsuhr zum Tourbillon. München 1990.

Internetquellen:

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